Alles hat seine Zeit: Let her go – Passenger

Manche Einsichten  sind vermutlich so alt wie die Menschheit  – und doch müssen wir da immer wieder durch, sie beschreiben, sie besingen. So wie Passenger mit Mike Rosenberg in seinem neuen Nr.1-Hit „Let her go“ aus dem Album „All the little Lights (2012). D

Die vollständigen Lyrics gibt es hier und das Video kann man auch hier ansehen.                                                                                                                           Alle Menschen streben nach dem Glück. Und wenn wir es erleben, dann wollen wir es festhalten, für immer.

„Staring at the bottom of your glass
Hoping one day you will make a dream last
but dreams come slow and it goes so fast..“

Und machen die Erfahrung: das geht nicht. Alles ändert sich. Ständig. Auch wir, unsere Gefühle, unsere Beziehungen.

„You see her when you close your eyes
Maybe one day you will understand why
Everything you touch surely dies…

Staring at the ceiling in the dark
Same old empty feeling in your heart
Love comes slow and it goes so fast“

Auch die Liebe verändert sich – und manchmal geht sie wieder. Gründe gibt es viele, Passenger glaubt, dass er zu viel gegeben, zu viel erwartet hat:

“Because you loved her too much
And you dived too deep…“

Schon im 3. Jh v.Chr. hat ein biblischer Philosoph das in die berühmten Worte gefasst „Alles hat seine Zeit“:

Alles, was auf der Erde geschieht, hat seine von Gott bestimmte Zeit: geboren werden und sterben, einpflanzen und ausreißen, töten und Leben retten, niederreißen und aufbauen, weinen und lachen, wehklagen und tanzen, Steine werfen und Steine aufsammeln, sich umarmen und sich aus der Umarmung lösen, finden und verlieren, aufbewahren und wegwerfen, zerreißen und zusammennähen, schweigen und reden. Das Lieben hat seine Zeit und auch das Hassen, der Krieg und der Frieden. (Prediger Salomo Kap.3) 

Ohne Veränderung gäbe es keine Vielfalt, keine Farben, keine Zeit. Menschliches Leben ist immer Leben in der Zeit. Das macht es so aufregende und bunt, aber auch so zerbrechlich und bedroht. Es gibt kein Licht ohne Schatten, keine Wärme ohne Kälte, kein Hoch ohne Tief, kein Heimweh ohne Fernweh, keine Nähe ohne Abschied:

„Well, you only need the light when it’s burning low
Only miss the sun when it starts to snow
Only know your lover when you let her go

Only know you’ve been high when you’re feeling low
Only hate the road when you’re missin‘ home…“

Was kann man also tun? Festhalten geht nicht, stillstehen geht nicht. Der biblische Salomo kommt zu dem Schluss:

„Ich bin zu der Erkenntnis gekommen: Das Beste, was der Mensch tun kann,  ist,sich zu freuen und sein Leben zu genießen, solange er es hat.“ (Pred. 3,12)

Gar  nicht so dumm. Im Hier und Jetzt leben. Das raten ja viele kluge Leute, auch die Buddhisten. Alles auskosten: das Bittere und das Süße. Lieben – und wenn es Zeit ist, dann auch loslassen.

„And you let her go…“

Manchmal bringt die Distanz dann auch die Erkenntnis und die Wahrheit über den anderen und über mich selbst:

„Only know your lover when you let her go“

Vielleicht macht man ja dann auch die Erfahrung, dass jemand, den man loslässt, freiwillig wieder kommt. Denn alles hat seine Zeit

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Träumen und Hoffen: Paradise – Coldplay

Im Religionsunterricht am Berufskolleg sprechen wir über Religion im Alltag. Wo begegnet sie uns? – und allen ist klar: längst nicht mehr nur in der Kirche. Fernsehen, Internet, Werbung, alle bedienen sich religiöser Symbole und Bilder – und oft ist uns das gar nicht bewusst, so sehr sind diese Bilder in unseren kulturellen Wortschatz ganz selbstverständlich aufgenommen worden.

Das Video ist auch hier anzusehen (hoffentlich ;)…)

Beim Coldplay-Hit „Paradise“ aus dem Album  Mylo Xyloto ist das ja noch ziemlich offensichtlich. Wenn eine Werbeanzeige eines Urlaubsanbieters paradiesische Strände verspricht, dann weiß man, was man sich darunter vorzustellen hat: kristallklares Wasser, feinsandiger, weißer Strand, die eine oder andere schattenspendende Palme – und keine anderen Menschen weit und breit. Das einzige, was hier an die biblische Paradiesgeschichte (nachzulesen in 1. Mose 2) erinnert, ist die Menschenleere: Adam und Eva hatten das paradiesische Stück Garten tatsächlich für sich allein… 😉

In Coldplays Song „Paradise“ (Lyrics gibt’s hier) wird nicht beschrieben, was das Paradies ausmacht. Ein Mädchen, eine Frau („she“) träumt vom Paradies – und nur indem angedeutet wird, wie ihr Leben verläuft, wird das Gegenbild vom Paradies heraufbeschworen:

Das Leben ist schwer, Tränen werden zum Wasserfall, man gerät unter Beschuss und wundert sich, was man alles überlebt wie durch einen Zaubertrick (bullet catch), man gerät unter die Räder, und immer wieder Tränen:

“…and the bullets catch in her teeth

Life goes on, it gets so heavy

The wheel breaks the butterfly

Every tear a waterfall”

Früher war alles anders, besser. Als sie jung war, ein kleines Mädchen, da war das Leben leicht, die Welt lag ihr zu Füßen, die Träume waren groß und schienen greifbar. In der Bibel wird das nicht in eine individuelle Vergangenheit projiziert, sondern in die „Kindheit“ der Menschheit: früher war alles anders, besser, einfacher. Da gab es nur Freundschaft, Frieden und Fülle. Mit der Freiheit der Entscheidung, dem „Erwachsenwerden“ kam die Vertreibung aus dem Paradies. Da liegt ganz schön viel Menschenkenntnis und Weisheit in dieser uralten Geschichte.

Was bleibt uns? Das Träumen vom Paradies in stürmischen Zeiten?

„In the night the stormy night away she’d fly
and dreams of paradise…“

Es bleibt die Erfahrung, dass nach der Nacht  der Tag kommt, nach dem Sonnenuntergang der Morgen und die Erfahrung, dass es auch ein Stück „Paradies“ auf Erden gibt, ab und zu, eine Erinnerung sozusagen an das Leben, das ursprünglich gemeint war: Freundschaft, Frieden, Fülle.

„And so lying underneath those stormy skies

She’d say, „oh, I know the sun must set to rise

This could be paradise.”

Sehr nett interpretiert das Video zum Song diese Gedanken, ohne allzu kitschig daherzukommen, finde ich. Der Elefant flieht aus der Gefangenschaft und macht sich auf die Suche nach seinem Paradies. Er findet seinesgleichen und sein Stück „Himmel auf Erden“ bei den anderen musikalischen Coldplay-Elefanten.

Allerdings: ohne Sonnenauf- und Untergänge und unberührte Natur-Romantik a la „König der Löwen“ kommen auch Coldplay in „Paradise“ nicht aus. Ist aber nicht schlimm – im Gegenteil: auch die Natur sehnt sich nach ihrem Paradies und leidet unter dem Rad des technischen Fortschritts.

Bewahren wir uns die Erinnerung an das Paradies und eine Welt, wie sie sein sollte oder könnte. Religion muss nicht Opium zum Vergessen des Leids, sie kann auch Antrieb für eine bessere Welt sein, oder?