Himmel über Husum: Casper – Michael X



Ist das jetzt Rap oder Pop oder Indie, was der Casper da macht? Darüber streiten sich die Gelehrten auf rap.de und anderswo mit erstaunlicher Aggressivität. Ist mir egal. Ich weiß auch noch nicht, was ich von der Stimme halten soll, aber dieses Video hat mich definitiv für Benjamin Griffey alias Casper eingenommen. Gedreht in meiner „quasi-zweiten-Heimat“ Husum in Nordfriesland. Im Song „Michael X“ aus dem Album „XOXO“ (2011) geht es angeblich um einen Jugendfreund, der sich das Leben genommen hat. Ab und zu „kommt er vorbei“, ist für seine Freunde spürbar und Casper gratuliert ihm zum  Geburtstag:

„Jedes Mal wenn der Wind pfeift und durch Äste weht,
bilden wir uns einfach ein, du willst nur nach dem Rechten seh’n.
Dann warst du kurz zu Besuch, leider nur zu Besuch, hoff ‚es geht dir gut,
da wo du bist.

War schön, dich zu seh’n, verdammt, alles Gute zum Geburtstag, bis nächstes Jahr!“                                                                                                                                                                                                                                                    

Casper erinnert sich an die guten, alten Zeiten der gemeinsamen Jugend, die ja gar nicht so lange her ist (Casper ist Jahrgang 1982)- sex , drugs, music, ob hip hop oder rock oder punk, ist ja egal, das macht einen großen Teil dieser Zeit aus.

„Ich weiß noch, wie …
Wir die Lieder sangen, die vom Leben lieben handeln,
Tequila tranken, machten Jägermeister platt,
In den Mond schrien: „Verdammt,
wir sind die geilste Gang der Stadt!“

Du warst unser Bruce, wir deine kleine E-Street Band,
Hatten nie viel Geld, aber jeden Tag mega Brand, Rewe-Markt, Rotwein im Tetrapack für den Weg gezockt…“

All die Anspielungen auf andere Bands und Zitate in den Lyrics sind hier ganz wunderbar zusammengestellt, das möchte ich hier nicht wiederholen.

Und was ist mit Michael, der sich aus dem Staub gemacht hat? Er war cool, das Bindeglied in der Clique, aber immer auch ein bisschen anders – hätte man kommen sehen müssen, was passiert ist?

„Ich weiß noch wie du sagtest:
‚Nie werd ich 27‘
du warst unser Bruce (Springsteen)
bist schon immer weg, wenn’s auf Partys am besten war…“

Alles hat sich verändert. Aus dem „Teenagerspaß“ wurde der Ernst des Lebens. Nach der Zivildienstzeit kommt nicht die Karriere als Astronaut oder Rockstar, sondern                                                                

„Sieh nur die Stadt, wie sie dabei sind, alles einzureißen,
kreidebleiche Gesichter schwer von der Zeit gezeichnet.
Zuviel Korn und Wein
treibt zur Morgenzeit Sorgen heim,
ein Ort ertränkt in Akkordarbeit…“
Man lächelt und nickt, redet’s Wetter schlecht, ab und an mal SMS…“          

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       Ist das so? Sollte man wirklich vor 27 die Biege machen? Nur weil man merkt, dass wir nicht (nur) zum Vergnügen hier sind? Aber man hat’s ja auch als Teenager nicht leicht, wie man am Beispiel Michael X sehen kann und, ja, es tut weh, erwachsen zu werden, „is so“…

Andererseits, eine Jugend, die nicht aufbegehrt, ist mir auch suspekt. Casper findet hier eine Sprache, die offenbar die Gefühle seiner jungen Fans anspricht und Bilder, die auch bei mir etwas anrühren:

„Und deine Mum hält dein Zimmer wie du’s gelassen hast,
an dem Moment wo dich Willen und Mut verlassen hat.
Die Lautsprecher tönen es laut,
dein Lieblingslied, aber hörst du das auch?
Sag, hörst du das auch, da wo du bist?“

Und zum Glück gibt es auch nach 27 noch so etwas wie Liebe, die vielleicht bleibt:

„Spring nicht mehr von Bett zu Bett, schwer zu fassen, ich weiß
Kein Plan, ob’s Lieben ist, doch was es ist, ich hoff‘, dass es bleibt
Drück‘ mir die Daumen…“

…und einen Himmel, der vielleicht nirgendwo so schön und weit ist wie über Nordfriesland:

„Hoff‘ es geht dir gut, da wo du bist
Da wo du bist.“

© PhotoXpress.com 1699886

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Was kann denn das Klavier dafür? Grenade – Bruno Mars

Bruno Mars – Grenade from Mazlanlan on Vimeo.

Lyrics zum Song mit einer Übersetzung gibt es hier.

“Jeder, der dieses Video sieht, sollte verstehen, dass es sich um eine künstlerische Umsetzung des Liedes handelt und nicht um etwas, das man nachahmen sollte“, das sagt Bruno Mars auf seiner Homepage.

Da bin ich aber beruhigt, lieber Bruno! Ich malte mir gerade schon im meinem Kopf all diese brutalen und irgendwie sinnlosen Aktionen aus, über die du hier singst. Ich muss gestehen, ich mag die Melodie, den Rhythmus des Songs „Grenade“. Aber dann habe ich mir natürlich den Text mal genauer angesehen.

Warum sollte jemand eine Granate für jemanden auffangen, seine Hand ans Messer liefern, vor einen Zug springen, sich in den Kopf schießen lassen, sich töten lassen für jemand anderen? Nun, der Sänger ist offensichtlich sehr verliebt in eine Frau, die ihrerseits diese Zuwendung nicht erwidert. Er würde all diese Dinge für sie tun – sie aber nicht für ihn. Ich frage mich allerdings: warum sollte er all das tun? Um ihr Leben zu retten? Um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen? Um ihr zu zeigen, wie sehr er sie liebt? Ich bin mir nicht so sicher, ob die Rechnung aufgehen würde. Und selbst wenn sie ihn dann lieben würde – er wäre bestimmt kein schöner Anblick mehr nach all diesen Abenteuern.

Der Song beginnt mit einigen heftigen Vorwürfen: “Easy come, easy go, that’s just how you live, oh, take, take, take it all, but you never give.”  Er ist bereit, alles zu geben, aber es kommt nichts zurück. Sie „wirft seine Liebe in den Dreck“, versteht nichts, ja, sie scheint  sogar kriminelle Eigenschaften zu haben, ihn zu schlagen (“beat me ‘til I’m numb”), die Bremsen seines Autos zu manipulieren („rip the brakes out my car“) – ein wahres „Teufelsweib“ („tell the devil…“)! Man fragt sich ja allen Ernstes, warum er diese Frau so liebt, aber wo die Liebe nun mal hinfällt… 😉 Bad woman – good guy – die alte Tragödie, mal andersherum. Bad Romance scheint „in“ zu sein…

Ich behaupte ja nicht, dass es das nicht gäbe, dass jemand sich für einen anderen opfert. Ich weiß nicht so genau, ob ich die Granate wirklich abfangen würde, was meinen sicheren Tod bedeuten würde. Vielleicht würde ich es ja für meine Kinder tun, aber ob ich in der Situation den Mut hätte? Wer weiß das schon.

Aber warum sollte ich für jemanden vor einen Zug springen? Das macht nun wirklich keinen Sinn. Womit wir beim Video zum Song wären. Die Idee, ein Klavier durch die Stadt zu schleppen, um der Liebsten ein Ständchen zu bringen und dabei mehrere Hindernisse zu überwinden, finde ich ja ganz kreativ und romantisch. Aber da die Frau des Teufels ist, war ja klar, dass sie längst einen anderen hat. Also schleppt Bruno das Klavier und sich selbst ans nächste Gleis und beendet sein Leben – und das des Klaviers ( was kann das denn dafür???) Das ist ganz klar Selbstmord, passiert leider jeden Tag und hat nichts mit Märtyrertum zu tun. Die Botschaft von Song und Video gehen hier doch etwas auseinander. Was denn nun?

Kann mal jemand weniger zerstörerische und gewalttätige Bilder vorschlagen, um zu beschreiben, was man oder frau bereit wäre, für den oder die Liebste zu tun? Das wär‘ doch schön, oder?