Stadt-Ansichten – Unheilig und Max Prosa

Zwei Musiker, zwei Lieder,  zwei Stimmungen, ein Thema – und doch könnten sie unterschiedlicher nicht sein, diese beiden  Songs: „Lichter der Stadt“ von Unheilig aus dem  neuen gleichnamigen  Album und „Abgründe der Stadt“ aus Max Prosas Album „Die Phantasie wird siegen„.

Es gibt ja Menschen, die lieben das Landleben und andere, die lieben Großstädte und ihre Atmosphäre, ihr Glitzern, ihren Trubel und ihre Anonymität. Ich gehöre dazu. New York ist für mich der Inbegriff einer solchen Stadt –  laut, hektisch, gefährlich, ja, aber auch bunt, lebendig, kreativ, atemberaubend in vielerlei Hinsicht. Auch ich mag  den Blick von oben, wie ihn Unheilig hier in seinem Lied beschreibt und im Video vorführt  – hier auf seiner Website anzusehen.

„Ich nehme mir die Zeit
Auf die Dächer der Stadt zu gehen
Dem Leben zuzusehen
Still zu stehen
Alles wirkt so klein
Unscheinbar entfernt und weit
Das Leben pulsiert hier
Weit weg von mir“

Die Gefühle, die da bei ihm aufkommen, sind durchweg positiv:

„Ich lehne mich zurück
Und genieße dieses Glück… Hier fühle ich mich frei“

Er ist zwar in der Stadt, aber eben nicht wirklich in sie eingetaucht, alles ist weit weg, klein, so von oben. Er ist allein, und das in der Millionenstadt, aber nicht, weil er einsam ist wie viele es dort vielleicht sind, sondern weil er es so will, weil er diese Ruhe sucht und genießt:
„Ich bin mit mir allein…
Der Alltag fliegt an mir vorbei
Fernab der Jagd des Lebens
Fühle ich mich frei…    Alles wirkt so klein
Das Leben pulsiert weit weg von hier…“

Ganz anders Max Prosa.

Schon der Titel seines Songs sagt an, wie er die Stadt erlebt – als abgründig, grell, dumm und hässlich:

„Drei Tage ohne Schlaf, ich lieg’ im grellen Neonlicht,
nimm mich mit irgendwohin, doch bitte frag mich nicht
wo ich zuhaus’ bin, ich weiß nur: bestimmt nicht hier…

Nimm mich raus aus den Abgründen der Stadt,
irgendwo ist das Schöne, auch heute Nacht…“

Und die Menschen in der Stadt? Sie wirken auf ihn wie Zuschauer in einer Zirkusnummer, die längst vorbei ist – sie lachen trotzdem und merken gar nicht, dass sie über sich selbst und ihre Ungeschicklichkeiten lachen:

„Wo wir alle dumm rumsteh’ n und zuseh’ n wie zerlumpte Clowns
ihre eignen Schatten jagen, es macht Spaß ihnen zuzuschaun,
bis irgendwer behauptet, es ist alles Spiegelglas – und wir sind das.“

Die Stadt, sie macht unfrei, sie erdrückt die Fantasie, ihre Gesetze lähmen und beengen:

„Wo wir alle dumm rumsteh’ n, in schweren Stiefeln der Realität,
in denen man, wenn überhaupt, immer nur kleine Schritte geht…“

Es gibt für ihn nur einen Weg aus diesem Gefängnis heraus: wenn nicht die reale Flucht aus der Stadt, dann wenigstens die Fantasie, die Reise in Gedanken, die das Thema des ganzen Albums ist:

„Und ich tanze in Gedanken, dort wo es mir gefällt,
barfuß auf den Straßen am Ende dieser Welt,
und auf den Eisenbahnbrücken ins Nichts,
nur nicht hier.“

Ja, die Gedanken sind frei, zum Glück. Vielleicht hätte  Max Prosa auch einfach mal eine andere Perspektive wählen sollen und die so gehasste Stadt von oben ansehen sollen.

Aber vielleicht hätte sich Herr Unheilig auch erst mal in die Niederungen der von ihm besungenen Stadt begeben sollen, bevor er ihr Loblied singt.

Wer Recht hat? Schon in der Bibel spannt sich der Bogen der Menschheitsgeschichte zwischen Garten und Stadt, Paradies und himmlischem Jerusalem. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich  im Auge des Betrachters.

Unheilig schwebt nicht nur optisch über den Dächern, er hält sich auch so ein bisschen ‘raus aus dem städtischen und menschlichen Wirrwarr des Lebens, sagt er selbst in einem Interview: „Ich versuche schon seit Jahren mit der Musik meine Welt positiv zu sehen, sonst wäre es ja total trostlos“…Das ist wie ein Kinofilm, ohne Happy End ist das total unerfüllend. Ich brauche zum Schluss den Helden, der in den Sonnenaufgang reitet. Wenn der nicht da ist, bin ich frustriert.“

Max Prosa, der junge Mann auf der Suche nach Sinn und einer Heimat, nimmt den Schmerz etwas genauer unter die Lupe. Es gefällt mir, dass er sucht und fragt und sich hineinbegibt in die Abgründe. Das ist eben das Leben, es klappt nicht immer mit dem Happy End…  Ist der Jüngere hier weiser als der Ältere? 😉

„Nimm mich mit irgendwohin, doch bitte frag mich nicht
wo ich zuhaus’ bin, ich weiß nur: bestimmt nicht hier.“

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Ganz schön heilig: Geboren um zu leben – Unheilig

Hier könnt ihr das Video sehen. Die Lyrics gibt’s hier.

Wie kann jemand, der sich „Unheilig“ nennt, nur so religiös daherkommen? Der Name soll wohl Programm sein, soll provozieren, Neugier wecken. „Heilig“ ist Langeweile, Tradition, Kirche und konservativ. „Unheilig“, das ist aufmüpfig, böse, dunkel, sündig, aber auch frei, fortschrittlich, unangepasst – und damit im Trend.

Der Graf, eigentlich Bernd Heinrich Graf, kommt ursprünglich aus der Gothic-Szene und kokettiert immer noch gerne damit, obwohl in seinen letzten Songs davon eigentlich nichts mehr zu spüren ist.

In seinem bisher wohl erfolgreichsten Lied „Geboren um zu leben“ vom

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Februar 2010 nimmt er Abschied von jemandem, der ihm viel bedeutet hat und mit dem ihn schöne Erinnerungen verbinden: „Es fällt mir schwer, ohne Dich zu leben …. Ich denke an so vieles seitdem Du nicht mehr bist“. Das zum Song veröffentlichte Video legt nahe, das es sich hierbei um einen Freund aus Kindertagen handelt, der leidvolle, aber auch schöne und befreiende Erfahrungen mit ihm geteilt hat. Der Schmerz um den Verlust ist noch lebendig, noch kann der Platz nicht einfach von jemand anderem eingenommen werden, ein ganz normaler Trauerprozess: „Es tut noch weh, wieder neuen Platz zu schaffen, mit gutem Gefühl etwas Neues zuzulassen. In diesem Augenblick bist Du mir wieder nah wie an jenem so geliebten vergangenen Tag.“

Aber irgendwann geht das Leben weiter, man blickt nach vorne, man braucht eine Zukunft, etwas, worauf man sich freuen kann, neue Pläne: „Es ist mein Wunsch, wieder Träume zu erlauben, ohne Reue nach vorn‘ in eine Zukunft zu schau’n.“

Der Refrain übermittelt dann die eigentliche Botschaft des Songs: „Wir war’n geboren um zu leben, mit den Wundern jener Zeit, sich niemals zu vergessen bis in alle Ewigkeit. Wir war’n geboren um zu leben, für den einen Augenblick, bei dem jeder von uns spürte, wie wertvoll Leben ist.“ Das ist nicht schwer zu verstehen, da ist nichts Geheimnisvolles, Mehrdeutiges, auch nicht wirklich Anspruchsvolles… Text und Melodie tendieren wohl eher in die Rubrik „Schlager“ als Rock oder gar Gothic.

Ein „unheiliger Schlager“ – geht das eigentlich? Das Lied beweist es. Wir wollen Trost, Wunder, Ewigkeit, Leben. Jemanden an unserer Seite. Wenn das mal nicht „religiös“ ist, dann weiß ich auch nicht… Und der Graf gibt in Interviews ja auch zu, dass er ein „religiöser Mensch“ sei, dass seine Familie ihm „heilig ist“ (Interview mit der Gießener Zeitung vom 24.3.2010), dass er an Gott glaubt, nur eben nicht an „die Kirche“, obwohl er angeblich Kirchensteuer zahlt, was ich sehr löblich fände bei seinem Einkommen!

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Auch andere Texte, wie „Schutzengel“, und „Der Himmel über mir“ zeugen von dieser Religiosität und sprechen damit offenbar vielen aus der Seele, die sich als „irgendwie religiös oder gläubig“ bezeichnen, sich aber von den Kirchen entfremdet haben. Es ist doch erstaunlich, dass die Bild- und Sprachwelt eben jener Kirchen einfach mitgenommen wird in den „unheiligen Alltag“. Sie taugen offenbar doch zu etwas. Das sollte den Kirchen zu denken geben. Was machen sie nur falsch?